Das Revier, das zwischen der Ostsee im Norden, der Oder im Osten, der Elbe im Westen, der unteren Havel im Südwesten und dem Oder-Spree-Kanal im Südosten liegt, ist wohl eines der größten Wassersport­reviere Europas.

Tekst & foto‘s: Doris und Dr. Lorenzo Guendel

Linssen yacht cruising in North Germany

ilden ein unerschöpflich dichtes Netz befahrbarer Wasserwege unterschiedlichster Ordnung. Sie liegen überwiegend in den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, eine der geschichtsträchtigsten Regionen Deutschlands, etwa mit der Historie der Hanse, den edlen Junkern Vorpommerns, den Preußenkönigen oder dem Einfluss holländischer Prinzessinnen, aber auch mit fleißigen Handwerkern. Russische und französische kulturelle Einflüsse sind überall zu beobachten, auch Wien hat seinen Anteil. Das Ergebnis ist eine Region, die an Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Kunst und Geschichte ihresgleichen sucht.
Große Städte wie Berlin und Hamburg, bedeutende mittlere Städte wie Lübeck, Rostock, Stettin, Oranienburg, Potsdam, Brandenburg und Magdeburg säumen den Weg. Der Kunstliebhaber, der Gast, der kulturelle Vielfalt sucht, ist hier in seinem Metier. Als Beispiel sei Potsdam hervorgehoben, wo sich der Einfluss der holländischen und russischen Kolonie auch heute noch besonders markant abzeichnet. Der Geschichtsinteressierte wird gern auf den Spuren Humboldts oder des Alten Fritz in Sanssouci wandeln, und auf denen der jüngsten Geschichte Deutschlands. Erwähnt sei hier die Potsdamer Konferenz im Cäcilienhof oder Templin, die Heimatgemeinde unserer Bundeskanzlerin.
Dem literarisch Interessierten sei Theodor Fontane oder auch Kurt Tucholsky ans Herz gelegt. Aber nicht nur diese Leuchten der deutschen Literatur waren hier zu Hause.

Museen, Kunstgalerien und große Sammlungen lösen sich mit kleineren Kunstwerkstätten ab. So kann man zum Beispiel in der Spandauer Zitadelle einem Kunstschmied oder einem Saiteninstrumentenbauer bei der Arbeit zusehen. Auch zur regionalen Geschichte findet man hier viele Erläuterungen, die vor allem für Kinder und Jugendliche sehr abwechslungsreich und interessant sind. Genannt seien nur das Binnenschifffahrtsmuseum in Zehdenick oder der Ziegeleipark in Mildenberg.
Das inzwischen 80 Jahre alte Schiffshebewerk Niederfinow ist ein besonderes Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst und ein Erlebnis.
Andererseits findet man große Bereiche unberührter Natur mit Reihern, Kormoranen, Fischadlern, Kranichen, Störchen, Enten und Haubentauchern, aber auch Eisvögel sind hier in ihrem natürlichen Lebensraum zu bewundern.
Neben der Vielzahl an Vögeln sind seltene Tiere wie Biber, Fischotter, Bisam, Wisente, Frösche usw. zu erleben. Sehenswert, namentlich für Kinder und Jugendliche, ist das Müritzeum in Waren, das eine exzellente Darstellung der heimischen Flora und Fauna bietet.
Traumhaft stille Ankerbuchten laden zum Baden und Verweilen ein. Abwechslungsreiche Kleinstädte säumen die Kanäle und Flüsse und verlocken zum Bummeln, Shoppen und Einkehren. Inzwischen hat sich hier eine stattliche Gastronomie etabliert, die mit heimischen Gerichten den Gast verwöhnt.
Auch Berlin bietet natürlich ein reichliches Angebot an kultureller, historischer und landschaftlicher Abwechslung. Dies im Detail zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen.

Now 80 years old, the Niederfinow boat lift Ein_Eisvogel_im_Schweb

Aus dieser großartigen Landschaft brachen wir auf, um neue Ufer zu erkunden. Die Seenplatte war in vielen Jahren inzwischen erforscht, das Gleiche galt für Berlin. Nun wollten wir die Kategorie B unserer Linssen 43.9 AC „La Cabaña“ testen und auf die Ostsee hinaus. Die Strecke von Zehdenick durch den Mälzer Kanal und den Vosskanal Richtung Berlin war in wenigen Stunden geschafft. Wir fuhren dann Richtung Osten zum Schiffshebewerk. In der Marina Marienwerder fanden wir bei Sabine und Lutz Biller einen schönen Platz, wobei Lutz wohl prüfen wollte, ob die Crew der „La Cabaña“ das Schiff auch beherrscht, und er wies uns ganz hinten im Eck einen sehr schönen Platz zu. Mit Wohlwollen hat er dann das Manöver genau beobachtet. Da er nichts weiter sagte, denken wir, er war wohl zufrieden. Auch nach unserem Dafürhalten hatten wir unsere Aufgabe gut gelöst. Im Bistro des Hafens ließen wir uns dann verwöhnen. Nach einer wunderbar ruhigen Nacht und einem reichhaltigen Frühstück an Bord ging es zum Schiffshebewerk. Die Passage war unkompliziert und wie so oft doch ein großes Erlebnis. Wir wurden mit zwei Fahrgastschiffen geschleust, was bei dem großen Becken keinerlei Problem war. Die Temperaturen waren gnadenlos gestiegen, gefühlt hatten wir unter der Persenning 40°C. Jedoch auf sie verzichten konnten wir bei dem stechenden Planeten auch nicht. Also alle Löcher so weit auf wie möglich auf und Gas geben, um Fahrtwind zu produzieren. Abends in Oderberg waren wir für die Nachbarn eine seltsame Crew, saßen wir doch alle unter Deck im Salon. Sie konnten ja auch nicht wissen, dass wir eine sehr gut funktionierende Klimaanlage hatten. Diese kühlte nicht nur den Salon, sondern auch die beiden Kabinen, was für einen erholsamen Schlaf doch sehr bedeutsam war. Mit uns lagen noch eine Reihe größerer Schiffe in Oderberg, die am nächsten Morgen alle bis auf eines nach und nach ausliefen. Letztlich waren wir dann auch so weit, der Wassertank voll, die Batterien geladen, alles gut. Auch dieser Tag versprach hohe Temperaturen.

Die Wasserstandsmeldungen für die Oder waren bei dem trockenen Sommer eher besorgniserregend, weshalb wir uns entschlossen, den Hohensaaten-Friedrichthaler Kanal zu nehmen. Für einen Kanal ist diese Route erstaunlich attraktiv. Die niedrigen Dämme rechts und links erlauben einen Blick in das Hinterland: auf der Ostseite die Überflutungsgebiete der Oder, auf der Westseite Landwirtschaft und Wald.
Hier entdeckten wir große Tabakplantagen, was uns doch sehr überraschte. Ein wenig Industrie, neue und alte und kleine, aber einladende Ortschaften. Unser Ziel war Schwedt, was wir auch nach ca. 4 Stunden erreichten. Ein kleiner Sporthafen, für uns zu flach, und ein größerer Sportboothafen, der uns einen sehr schönen Liegeplatz bot, waren im Angebot. Die Wahl war klar. Auch dieser Hafen stellte eine Überraschung dar. Eine super gepflegte Anlage, super saubere Toiletten und Duschen in einem architektonisch witzigen Bau sowie dort selbst noch eine nettes Bistro mit einer sehr netten Allrounderin als Wirtin. Außer für das Lokal war sie noch für den Caravanstellplatz, den Hafen, den Wassermarkenverkauf usw. zuständig. Sie hatte gut zu tun, war aber trotzdem fröhlich und hilfsbereit. Der übliche und informative „Snack“ am Steg mit Oderfahrern brachte uns doch einige Informationen, die wir bei unserer Weiterfahrt nutzen konnten. Mein Wunsch, eine polnische Nationale als Gastlandflagge zu erwerben, scheiterte jedoch. Angesagt war wieder Herunterkühlen auf ein schlaferträgliches Maß.
Ein köstliches Abendmahl, ein Glas guten Rotweins – und die erforderliche Bettschwere war hergestellt.


Szczecin

Auf unser nächstes Ziel, Stettin, freuten wir uns besonders. Über die Anlegemöglichkeiten hatten wir extrem Unterschiedliches erfahren und waren also gespannt. Auf unserer Karte wurde der Hafen mitten in Stettin sehr gepriesen. Wir hatten aber Kritiken gelesen und gehört, die uns nicht überzeugten. Gelobt wurde ein Hafen etwas weiter nördlich an der Endstation einer Trambahn. Wir also los. Wunderschöne Auen begleiteten unseren Weg bis Stettin. Es folgten die unvermeidlichen Industrieanlagen vor Stettin und auffallende und stark ausgelastete Werft- und Schiffsbauanlagen. Da war richtig etwas los. Dann kam die Silhouette der Stadt mit einigen prächtigen Bauten sowie zwei Brücken in Sicht. Diese waren aber so niedrig, dass wir nicht nur den Mast, sondern auch die Persenning komplett legen mussten. Dies lenkte uns so ab, dass wir den Stadthafen auf der Ostseite der Westoder übersahen. Also fuhren wir weiter, an weiteren Werftanlagen vorbei bis zum Hafen Goclaw. Der Hafen ist klein, sauber, hat alles, was das Herz begehrt, wenn auch teilweise noch sehr einfach. Optimal ist der kleine Supermarkt auf der anderen Seite von Straße und Tramhaltestelle. Auffallend war die Freundlichkeit des Personals, auch wenn niemand – was uns ein wenig erstaunte – auch nur etwas Deutsch sprach. Mit Englisch und Zeichensprache konnten wir alles erfragen, erhielten korrekte Antworten und erfuhren, was wir wissen wollten. Von einem deutschen Landsmann konnte ich eine polnische Gastlandflagge erwerben. Der nächste Tag war Stettin vorbehalten. Morgens fuhren wir mit der Tram in die Stadt. Wir erwischten ein älteres Modell, d.h., bis wir etwa eine halbe Stunde später in Stettin waren, kamen wir uns wie durch einen Cocktailshaker geschüttelt (nicht gerührt!) vor. Die Wanderung durch die Stadt führte uns u.a. in die Johanniskirche, ein wunderbar lichter Bau mit einer sehr schönen, etwas ungewöhnlichen Orgel. Ein auffallendes Gebäude entpuppte sich als der ehemalige pommersche Herzogspalast derer zu Greifen. Nach wie vor war es sengend heiß, so dass wir das kleine, im Münzhof des Palastes gelegene Café besuchten und dort einen Kaffee und Wasser zu uns nahmen. Heute wird der Palast für Musik und Kunst, Museum und Wissenschaft genutzt. Während wir im Hof saßen, konnten wir einem Klavierspieler lauschen, der seine Kunst schon sehr gut beherrschte. Auch befindet sich hier die Touristinformation. Wir schlugen nun die Richtung zur Hakenterrasse ein, über die unser Reiseführer die kühne Behauptung aufstellte, es sei eine der schönsten Terrassen Europas. Wir waren gespannt und müssen zugeben, sie ist sehr schön. Der Blick ist grandios. Sie ist ca. 500 Meter lang, ca. 20 Meter über der Oder und bietet einen tollen Überblick über diesen Teil der Stadt. Im Rücken hatten wir dabei eine Reihe schöner alter Gebäude, so die Marineakademie, das Wojwodschaftsamt und das Nationalmuseum. Im Schatten dieser historischen Gebäude fanden wir auf der Hakenterrasse ein herrlich gelegenes Restaurant („Columbus“), wo wir, in der ersten Reihe sitzend, unser Mittagessen einnahmen. Qualitativ hochwertig und sehr vernünftige Preise inkl. Traumausblick lautete unser abschließendes Urteil über diesen schönen Flecken. Von hier aus erblickten wir dann auch die zunächst von uns übersehene riesige Marina, die gespenstisch vereinsamt war. Kein einziges Schiff, bei geschätzten 120 Liegeplätzen! Das Umfeld der Marina war auch nicht gerade schick und der Zugang zur Stadt von der anderen Seite des Flusses extrem umständlich. Wir nahmen uns vor, auf der Rückfahrt mal die Nase in diesen Hafen zu stecken.
Aber wir wollten los. Wir zogen die Oder weiter nach Norden hinauf, passierten die Zufahrt in den Dammschen See und fassten als zweiten Entschluss, die Rückfahrt über diesen zu machen. Weiter nach Norden gabelt sich das Fahrwasser in die Oder und den Kanal Policki. Wir blieben auf der Oder. Diese wurde immer weiter, die Überschwemmungsgebiete bei Hochwasser zeigten sich üppig grün, teilweise alte Bäume, teilweise hohe Sträucher oder Schilf. Das Vogelparadies erschien unendlich. Blaugrüne Eisvögel sah man aufblitzen. Die Burschen sind aber so hektisch, dass es kaum gelingt, sie zu fotografieren. Den Graureihern haben wir schon nicht mehr nachgeschaut, anders als einem Fischadler, der über uns kreiste, aber offensichtlich keinen Hunger hatte. Zumindest zeigte er kein Jagdverhalten. Die Fahrt durch das Papenwasser war unspektakulär, wobei wir uns sicherheitshalber an die markierte Fahrrinne hielten. In Höhe von Trzebiez zog sich dann das Ufer immer weiter zurück, das große Haff zeigte sich von seiner schönsten Seite. Bei sehr guter Sicht waren die hohen Seezeichen (Brama Torowa 4-1) schon aus der Ferne sichtbar.

 

Bei Windstärke 4-5 bekamen wir im Laufe des Nachtmittags doch noch deutlichen Seegang hinzu, was unserer 20 t schweren Linssen aber nicht viel anhaben konnte. Bei der Überlegung, welchen Hafen wir anlaufen sollten, entschieden wir uns für Uekermünde, was wir nicht bereut haben. Beim SSC Vorpommern fanden wir reizende Aufnahme und wurden herzlich begrüßt. Das Abendessen im „Backbord“ war köstlich, die Preise adäquat, die Stimmung bestens. Dankbar waren wir für den immer auffrischenderen Wind, da noch ungebrochen Hitze herrschte. Als wir abends die Klimaanlage in Betrieb nehmen wollten, zeigte sich, dass der Landstrom relativ niedrig abgesichert war (6 A), was für die Klimaanlage nicht reichte. Also kurz den Generator angeworfen, das Schiff heruntergekühlt und dann ab in die Koje. Am nächsten Morgen beschlossen wir, einen beschaulichen Tag in Uekermünde zu verbringen. Unser nächstes Ziel war nicht fix geplant. Wir hatten uns den Hafen in der Einfahrt zum Peenestrom vorgenommen, kamen aber so zeitig an, dass wir beschlossen weiterzufahren. Also durch den Peenestrom nach Norden durch die Moderort-Rinne. Inzwischen stampfte sogar unsere Linssen bei dem Wind so stark, dass wir Rankwitz als Zielhafen auserkoren. Diese Entscheidung war exzellent, wir können den reizenden Hafen nur empfehlen. Neben zwei sehr guten Lokalen gibt es noch einen Fischladen mit köstlichem frischen oder selbstgeräucherten Fisch. Neben dem schönen Hafen und dem gesamten Ambiente stehen fünf sympathische Ferienhäuser direkt am Hafen. Ein schönes Beispiel für eine gelungene Hafenentwicklung. Die Fahrt ging weiter, über Wolgast in den Peenestrom. Der Eingang ist etwas industrielastig, was uns gefreut hat. Weiter nach Norden wird es wieder landschaftlich sehr schön. Der Wind blies inzwischen mit Windstärke 8. Alle Einheimischen beklagten sich, so viel Wind so viele Tage hintereinander hätten sie noch nie erlebt. Kröslin war dann unser letzter Hafen, eine wunderschöne, sehr gepflegte Marina gegenüber von Peenemünde. Ausflüge von hier lassen sich mit dem kleinen Fahrgastschiff durchführen. Ein Ausflug nach Wolgast zeigte eine mittelgroße Industriestadt mit den leider im Osten nach wie vor bestehenden Problemen, erwähnt sei hier die Flucht der Jugend.

 

In Kröslin trafen unsere Mitreisenden Bekannte, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatten, was zu einem netten, gemütlichen Plausch an Bord unter der Persenning bei Starkwind (um die 7 Bft. in den Böen) führte.
Da die Wettervorhersage immer noch Starkwindwarnung mitteilte, mussten wir unser eigentliches Ziel – Greifswald – aufgeben und uns damit begnügen, die Nase nur kurz in die Ostsee gesteckt zu haben. Wir kehrten um.
Bei strahlendem Sonnenschein, aber immer noch heftigem Wind zogen wir nun nach Süden. Wie beabsichtigt, sind wir dann etwas nördlich von Stettin in den Dammschen See abgebogen, um eine idyllische Landschaft zu erleben. Sie ist einmalig schön. Wir haben uns Zeit gelassen und suchten gegen Abend einen Hafen, der dieser Landschaft gerecht wurde. In der Marina HOM, am Südostende des Dammschen Sees, fanden wir einen Traumplatz. Dass uns ein sehr gut deutsch sprechender Pole empfing, der uns bei den Formalitäten half, war das eine, aber währenddessen traf eine wunderschön restaurierte Motoryacht ein und legte hinter uns an. Der Eigner war Pole, in diesem Hafen beheimatet und unglaublich stolz (zurecht) auf das von ihm restaurierte Schiff. Von dem auf der Mole stehenden, roh gezimmerten Tisch wurden von unseren polnischen Gastgebern die Bänke weggeräumt und dafür bequeme Gartenstühle aufgestellt, damit wir es gemütlich hatten. Ein außerordentlich nettes Zeichen der Gastfreundschaft.
Mit diesem Hafen will ich den Bericht beenden. Die Rückreise nach Zehdenick war unspektakulär. Wir trafen dort vier Tage später wohlbehalten und voller neuer Eindrücke ein.

 

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